Von Muscheln, bunten Blättern und alten Liedern

Zu meinen Aufgaben als Diakonin gehören regelmäßige Andachten im Seniorenheim. Erst nach und nach bin ich in diese Aufgabe hinein gewachsen und so war ich heute schon ein bisschen traurig, dass es das letzte Mal war.In diesen Andachten weiß man nie was passiert. Es ist ungewiss, wie die Leute reagieren, wieviel sie verstehen oder welche Unterbrechungen geschehen. Meistens nehme ich einen Gegenstand mit, mit dem ich einen Bibeltext einführe und einen Gedanken deutlich mache. In der Andacht im August hatte ich Muscheln mit dabei. Muscheln als Zeichen für Sommer und Urlaub und auch dafür, dass jede und jeder von uns verschieden und einzigartig ist, so wie die ganze Schöpfung Gottes. Zum Abschluss der Andacht habe ich jedem Besucher eine Muschel geschenkt. Eine Besucherin hat mein Rumgehen falsch gedeutet und die Muschel nicht erkannt und diese in den Mund gesteckt und gekaut. Das hätte böse ausgehen können.
Heute ging es um bunte Blätter (ich habe sie nur gezeigt und nicht rumgegeben) und mein Lieblingsgedicht von Rainer Maria Rilke.

Herbst
„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

„So nimm denn meine Hände“. In diesem Lied kam dieses tiefe Vertrauen zum Ausdruck, dass viele dieser alten Leute ausstrahlen. Viele konnten das Lied auswendig. Das beeindruckt mich. Und ich freue mich, wenn sie sich beim Singen vielleicht an frühere Situationen erinnern.
Dieses Vertrauen, dass da Einer ist, der mich auffängt, wenn ich falle, dies spüre ich auch. Auch wenn ich auf viele Fragen keine Antworten habe. Auch, und gerade, wenn ich sprachlos bin.

„So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und weiglich.
Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt:
wo du wirst gehn und stehen,
da nimm mich mit.“
Julie Hausmann, 1862

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Bildnachweis: Tinvo / photocase.de

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