Unterwegsgeschichten (2)

Unterwegs in vollen Zügen. Das Genießen bleibt da auf der Strecke.
Aber ich lerne. Ich lerne über die Menschen, die mit mir unterwegs sind. Manchmal würde ich mich gerne mehr distanzieren – manchmal habe ich das Gefühl, dass wir eigentlich in entgegen gesetzte Richtungen fahren. Innerlich.
Ich erlebe Dinge, die mich den Glauben an die Menschheit verlieren lassen und ich weiß Dinge über Ehemänner und Kinder, auf die ich eigentlich verzichten könnte. (Über Ehefrauen wird erstaunlicherweise wenig gelästert.) Ich weiß, wohin die Leute in Urlaub fahren und dass Bad Belzig die schönste Therme hier in der Gegend hat. Ich weiß über gute und schlechte Lehrkräfte Bescheid und was es zum Abendessen gibt.
Es strengt mich an dass alles zu hören. Es ist voll und ich mag es nicht so eng. Und so höre ich über meine Kopfhörer Musik oder ein Hörbuch. Ich tauche ab, mache die Augen zu versuche diese täglichen Stunden so gut wie möglich zu verbringen.
Eigentlich würde ich gerne schreiben im Zug, aber dafür habe ich noch nicht die richtige Methode gefunden. Es ist einfach zu voll in den Zügen. Das Genießen bleibt da auf der Strecke.

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Ein Jahr

Ein Jahr voller Fragen und Zweifel. Voller Unsicherheit und Selbstzweifel. Ein Jahr der Suche. Ein Jahr voller Abschied und vermissen, voller Heimweh und Sehnsucht.
Ein Jahr unterwegs.

Ein Jahr voller Neuanfang und Spannung. Voller Vofreude und Hoffnung. Ein Jahr des Findens. Ein Jahr voller Willkommen und ankommen, voller Heimat und Herzenswünsche.
Ein Jahr unterwegs.

Ein Jahr in Elstal.

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Weitermachen

Wenn alles zuviel ist – in mir drin und um mich herum – dann kann ich nicht schreiben. Dann sind die Worte verworren, durcheinander und lassen sich nicht zu einem Text formen. Dann fehlt die innere und äußere Ruhe zum Schreiben.
Doch heute habe ich das Gefühl, dass es weiter gehen kann. Sicherlich gibt es dann auch noch den einen oder anderen Rückblick auf das Unterwegssein der vergangenen Monate.
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Es ist genug für alle da … wir reden über Hass, Liebe und Sankt Martin

Es ist nicht leicht an so einem Tag wie gestern mit den Kindern über Amerika, Mauerfall und Mauerbau, brennende Synagogen und Hass zu reden. Aber es ist so wichtig. Es ist so wichtig, dass wir darüber reden. Es ist so wichtig, dass wir Worte finden für das, was so schockierend ist. Ich habe es gestern versucht. Ich habe erklärt, warum ich gegen Trump als Präsident bin. Ich habe versucht zu erklären, warum ich so erschüttert bin, dass der Hass so viel Raum bekommt in Amerika und hier bei uns. Und ich habe erklärt, warum die Art und Weise wie Donald Trump Frauen behandelt und „liebt“ frauenfeindlich und übergriffig ist.
Wir haben über Sankt Martin gesprochen und die Aktualität dieser alten Geschichte gerade gestern und heute.
Es ist die Angst zu kurz zu kommen, die den Hass gegen die Fremden füttert. Es ist die Angst selbst weniger zu haben, wenn man anderen etwas abgibt. Doch Angst und Hass machen einsam. Wer mit dem wenigen was er hat, allein bleibt, der bekommt immer mehr Angst.
Stellen wir uns doch einmal vor wir decken alle zusammen einen großen langen Tisch und bringen das, was wir haben mit. Ich habe etwas Brot, der andere eine Gurke. Die nächste bringt Käse und einer Butter.Vielleicht hat noch jemand einen Apfel und ein Kind bringt Bonbons. Würde jeder für sich allein bleiben wäre es wenig und trostlos. Doch wenn alle zusammenlegen und teilen ist es ein tolles, leckeres und gesundes Essen. Die Gemeinschaft um den Tisch herum ist viel schöner, als wenn ich alleine mein trockenes Brot essen würde. Und wenn jeder etwas mitbringt, reicht es auch für die, die gerade nichts haben. Denn meistens ist es auch nur der erste Blick, der uns einreden möchte, dass da jemand ist, der nichts zu geben hat, der immer nur nimmt und nimmt. Doch während wir gemeinsam essen, singt der Fremde ein Lied der Dankbarkeit und die andere erfüllt die Runde mit ihrem ansteckenden Lachen. Wir lernen uns kennen und entdecken wieviel wir haben, wenn wir teilen. Wir erleben dass es für alle reicht, auch wenn wir keinen Kaviar und keinen Sekt haben.
Ein kurzes Gespräch, was in mir immer noch nachwirkt und was wir bestimmt heute und morgen und übermorgen fortsetzen. Solange bis die Liebe gegen den Hass gewinnt.

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Bildnachweis: illmedia/photocase.com